Dörte Hansen: Mittagsstundemoni

(Penguin-Verlag, 320 Seiten, 22 Euro) | Vorgestellt von Monika Kasper

In „Mittagsstunde“ geht es um Abschiede; von den Großeltern, der Kindheit und den Orten, die uns geprägt haben und die nach und nach verschwinden, um Neuem Platz zu machen.
Von so einem Dorf und vom Verschwinden, nicht nur der Ruhezeiten, erzählt Dörte Hansen in ihrem Roman. Das fiktive Örtchen Brinkebüll hatte einst alles, was ein Dorf auszeichnete: Kirche, Schule, Laden, Gasthaus, Kastanienallee, Hecken und Wiesen und Wälder. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte ging alles verloren. Das Dorf verwandelte sich in eine bequem mit dem Auto zu erreichende Schlafstätte für Zugezogene. Und zugleich verschwand auch die Mittagszeit mit all ihren Geheimnissen, Herrlichkeiten und Heimlichkeiten.
„Man musste warten, bis das Dorf wie ein betäubtes Tier zusammensackte. Bis in den Küchen und Stuben nach und nach die Tageszeitungen zu Boden glitten und tief geatmet wurde auf den Eckbänken und Sofas. Die Brinkebüller Kinder lernten früh, dass man das leise Schnarchen hören musste, bevor man auf den Strümpfen durch die Dielen huschen konnte, zum Heuboden hinauf, wo die versteckten Comic-Hefte lagen oder die blinden, jungen Hunde, die man eigentlich nicht haben durfte.“

Der rote Faden im Dorf Brinkebüll ist die Familie Feddersen, von denen wir drei Generationen kennenlernen. Besonders anrührend fand ich Sönke, der auch im hohen Alter von über 90 noch seelisch von seiner jahrzehntelang zurückliegenden Zeit in russischer Gefangenschaft gekennzeichnet ist, der auch nach seiner Rückkehr in sein Heimatdorf viele Bürden tragen musste. Er tut dies schweigsam, wie überhaupt in Brinkebüll nichts zerredet wird. Sönkes Gedanken zu Schuld und Sühne, zur Anständigkeit, sein wortknappes Sich-Annehmen des unehelichen Kindes seiner offiziellen Tochter und auch die ebenfalls wortkarge Hingabe an seine Ehefrau Ella - das alles ist zutiefst berührend, manchmal herzzerbrechend traurig. Wir erleben ihn in einer Zeitebene in der Mitte seines Lebens, in einer anderen Zeitebene, die in der Gegenwart spielt, als alten Mann, der geistig rege ist, dessen Körper ihn aber zunehmend im Stich lässt. Die Szenen, in denen Sönkes Enkel Ingwer sich um Sönke und dessen Frau Ella kümmert, zeigen ganz eindringlich, wie schmerzhaft das Alter werden kann, was es an Würde, Unabhängigkeit und Freiheit nehmen kann und wie es auch auf die jüngere Generation wirkt.

Was mich besonders an diesem Buch fasziniert hat, sind die Vergleiche, mit denen sie Landschaft und Menschen beschreibt.
So etwa „peitscht der Wind wie ein Feldherr“, weiß verklinkerte Bauernhäuser sehen aus „wie unglückliche Bräute, die keiner haben wollte“ oder „der Winter legte „Schnee wie einen Mullverband auf das geschundene Land“. Im Gegensatz dazu tritt Ragnhild Dieffenbach auf, „Architektin, ein Name wie ein Altbau“. „Sie gehört zum Inventar des Hauses und bleibt so verstaubt wie die Möbel, die sie nicht abwischt.“
Die große Kunst dieses Romans besteht darin, dass Dörte Hansen von Familienverhältnissen, Erziehungsmethoden und lange gehüteten Geheimnissen ganz nebenbei erzählt. Man liest so leicht vor sich hin und merkt dann, was da eigentlich geschrieben steht.
Dörte Hansen erzählt uns von diesen Wahrheiten sehr leise und eher zwischen den Zeilen.

Portrait

Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, lernte in der Grundschule, dass es außer Plattdeutsch noch andere Sprachen auf der Welt gibt. Die Begeisterung darüber führte zum Studium etlicher Sprachen wie Gälisch, Finnisch oder Baskisch und hielt noch an bis zur Promotion in Linguistik. Danach arbeitete sie als Autorin für Hörfunk und Print, bis ihr gefeierter Debütroman »Altes Land« 2015 erschien und zu einem riesigen Bestsellererfolg wurde. Auch ihr zweiter Roman »Mittagsstunde«, im Herbst 2018 erschienen, wurde zum SPIEGEL-Jahresbestseller und von Publikum und Kritik gefeiert. Mit ihrer Familie lebt sie in der Nähe von Husum.

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