Olivier Norek: „All dies ist nie geschehen“rosa grünstein

(Blessing Verlag, 368 Seiten, 18 €) | vorgestellt von Rosa Grünstein 

Olivier Norek, geboren 1975 in Toulouse, arbeitete drei Jahre für Pharmaciens sans frontières und wurde Police Lieutenant in Seine-Saint-Denis. Seine Erfahrungen im Polizeidienst verarbeitete er 2013-2016 in den drei Kriminalromanen der Capitaine-Coste-Trilogie, die ihn zu einem Star der französischen Krimiszene machten.

Zwei Männer, zwei Familien, zwei Schicksale. Nach dem Tod ihres Vaters stürzt Bastien Milliers Frau in eine tiefe Depression. Er hofft, dass sie durch den Umzug in ihre Heimatstadt Calais wieder zurück ins Leben findet. Er selbst wird dort als Kommissar arbeiten, in der Stadt, in der sich der berühmt berüchtigte Jungle befindet. Adam ist ebenfalls Polizist, jedoch in Syrien und seine Untergrundtätigkeit gegen die Regierung droht langsam kritisch zu werden, so dass er seine Frau Nora und ihre kleine Tochter Maya in Sicherheit bringen muss. Sie sollen vorreisen, über Libyen das Mittelmeer überqueren und ihn an der französisch-englischen Grenze treffen. Doch als Adam im Jungle ankommt, ist von den beiden Frauen nichts zu sehen, er weiß nicht, dass sie nie europäischen Boden betreten haben und sucht sie verzweifelt. Dabei lernt er den jungen Sudanesen kennen, den alle nur Kilani nennen und der massivem Missbrauch ausgesetzt ist. Adam nimmt sich des Jungen an und es dauert nicht lange, bis er auch Bastien begegnet und die Bekanntschaft Spuren bei beiden Männern hinterlässt.

 

Auf Adam wartet kein Happy-End. Das Schicksal seiner Frau und Tochter ist hart, aber inzwischen dürfte jeder Leserin bekannt sein, dass sie nur zwei von tausenden sind, die jährlich auf der schwierigen Überfahrt das Leben verlieren und skrupellosen Schleppern das Einzelschicksal egal ist. Umso mehr freut man sich, wie sich Adam des einsamen und schutzlosen Jungen annimmt. Kilani bleibt stumm für die anderen Figuren, sein Los berührt, aber erst gegen Ende wird das Ausmaß dessen, was er erlebt hat, wirklich offenkundig und was er bereit ist, auf sich zu nehmen, um seinen Rettern zu danken. Dass diese Dankbarkeit keinen Ausdruck finden kann, ist ein weiteres heimtückisches Spiel ihrer Bestimmung. Bastien und seine Familie symbolisieren die Mehrheitsbevölkerung, die plötzlich zwischen den anonymen Flüchtlingen und ihrer erschlagenden Masse und den konkreten Einzelpersonen, die Menschen wie sie selbst sind, hin- und hergerissen sind und vorher gültige Grundsätze und Überzeugungen in Frage stellen müssen. Norek bietet keine Lösungen für die Flüchtlingsfrage, er schreibt einen Roman, der es jedoch jedem erlaubt, den Blick auf den Menschen hinter den Geschichten aus Fernsehen und Zeitung zu werfen und sich vor Augen zu führen.

 

Kein Buch für zarte Nerven, aber eines, das die heutige Zeit gut beleuchtet, das uns einen Blick hinter die Schlagzeilen werfen lässt und das sicher niemanden unberührt zurücklässt.

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