Am vergangenen Mittwoch war es wieder so weit: Im Rieglerhaus in Reilingen versammelten sich vornehmlich Frauen, aber auch einige Männer, um sich für zwei Stunden in die Welt der Bücher entführen zu lassen.

Nachdem das „Trio Eremitage“( Anke Palmer, Ute Widdermann und Ulrike Wettach-Weidemaier ) mit einem beschwingten Flötenstück den Abend eröffnet und Jutta Akyol die Gäste willkommen geheißen hatte, entführte Monika Kasper die ZuhörerInnen nach Paris und erzählte vom Buchhändler Jean Perdu, der eine ganz besondere Buchhandlung betreibt. Er weiß genau, welches Buch welche Krankheit der Seele lindert: Auf seinem Bücherschiff, der »literarischen Apotheke«, verkauft er Romane wie Medizin fürs Leben. Nur sich selbst weiß er nicht zu heilen, seit jener Nacht vor 21 Jahren, als die schöne Provenzalin Manon ging, während er schlief. Sie ließ nichts zurück außer einem Brief – den Perdu nie zu lesen wagte. Bis zu diesem Sommer. Der Autorin Nina George ist mit „Das Lavendelzimmer“ ein wunderbar feinfühliger Roman gelungen, der be- und verzaubert. Eine großartige Geschichte über das Leben, die Liebe, den Schmerz, die Trauer, die Verzweiflung und vor allem - die Hoffnung.

 


Eveline Bareiss hatte sich das Buch „Erzähle es niemandem“ von Lillian Crott- Berthung ausgesucht. Randi Crott erzählt in diesem Buch die Liebes-, Leidens- und Lebensgeschichte ihrer Eltern in den Jahren 1939-1947. Das kann sie erst, seit ihr Vater, Hellmut Crott, 2008 verstorben ist, denn er wollte mit seiner Geschichte nicht in die Öffentlichkeit treten. Ihr Vater war der Sohn einer Jüdin und eines Ariers und wurde deshalb unter dem nationalsozialistischen Regime als Mischling eingestuft. Sein „Versteck“ ist die Wehrmacht. Im Zuge der "Weserübung" kommt er nach Norwegen, wo er Lillian kennen und lieben lernt. Hellmut erzählt niemandem von seiner Herkunft und nimmt dieses Versprechen auch Lillian ab, denn er wäre sonst ins KZ gekommen und in der Gaskammer gelandet wie seine Tante Tetta. Was in Norwegen zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus passierte, weiß man nur begrenzt, es gibt wenig Literatur dazu. In diesem Buch erfährt man von der Besatzung, vom norwegischen Widerstandsgeist und von der norwegischen Konsequenz nach dem Krieg.

Nach einem weiteren musikalischen Leckerbissen der drei Flötistinnen nahm sich Jutta Dräger nun eines ganz anderen Themas an: Der Alterspubertät. Das Buch „Es ist nur eine Phase, Hase“ von Maxim Leo ließ die ZuhörerInnen kichern, schmunzeln oder lauthals lachen. Pubertät ist schlimm. Klar. Aber nicht so schlimm wie: Alterspubertät! Alterspubertierende sind angegraute, bequeme, oft kurzsichtige Wesen, die die Ruhe lieben, das Wandern, das Wort "früher" und bestuhlte Pop-Konzerte. Männliche Alterspubertierende zwängen ihren runden Ü45-Körper in Neoprenanzüge und beginnen einen Kitesurf-Lehrgang. Andere laufen Marathon. Weibliche Alterspubertierende flüchten sich gern in die Spiritualität und "wollen sich neu entdecken". Oder Marmelade einkochen. Klingt scheußlich? Ist es auch.

Und dennoch- vieles konnten die ZuhörerInnen bei sich selbst wiedererkennen. In der nachfolgenden Pause wurde noch viel darüber gesprochen .Dass Wein und der bereitgestellte Snack trefflich mundeten, davon zeugten die leeren Teller und Gläser.
Nach der Pause widmete sich Rosa Grünstein dem oft komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnis. In ihrem Buch „ Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde“ schreibt die Autorin Nicole Zepter: „Im Sommer 1974 verliebte sich meine Mutter in meinen Vater. Sie wurde schwanger und brachte mich auf die Welt. Achtzehn Jahre lang sollte ich nichts von dieser Liebe und von meinem Vater wissen. Sechsunddreißig Jahre später verliebte ich mich in den Vater meines Sohnes. Und wiederholte das intensivste Jahr meiner Mutter bis aufs kleinste Detail.“ Nicole Zepter macht sich auf die Suche nach Erklärungen für dieses Muster. Rosa Grünstein empfahl dieses Buch wärmstens. Ein weiteres Musikstück aus dem vielfältigen Repertoire des Trio Eremitage leitete dann über zu zwei weiteren heiteren Büchern.

Zunächst las Birgit Schuppel eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Ich will so bleiben, wie ich war“ von Monika Bittl vor. In ihren herrlich unterhaltsamen Alltagsgeschichten nimmt die Autorin die Tücken des Lebens in der Lebensmitte aufs Korn. Ein augenzwinkerndes, ironisches Buch über das Älterwerden. Schauen wir heute in den Spiegel, hatten wir uns nicht nur jünger in Erinnerung – wir wünschen uns auch oftmals die Leichtigkeit der jungen Jahre zurück. Denn seltsamerweise vermehren sich mit dem Älterwerden nicht nur die Falten, sondern auch die Schrullen und heiklen Gemütszustände.
Zum Abschluss stellte sich Gaby Feth-Biedermann mit dem Buch „Saturday Night Biber“ von Anja Rützel solch interessanten Fragen wie „Haben Sie schon mal daran gedacht, sich zur Biberberaterin ausbilden zu lassen? An einem Kaninhop-Turnier teilgenommen? Einen Mäusepräparierkurs gemacht? Sich einen Tag am Halfter herumführen lassen, um sich besser in die Psyche eines Alpakas einzufühlen? Mit einer Kuh gekuschelt?“ Anja Rützel, renommierte Journalistin und bekennende Tierliebhaberin hat es getan. Mit unbändiger Expeditionslust und ihrem einzigartigen Blick fürs Skurrile unternimmt sie eine Reise in uns bisher unbekannte Welten.

Mit flotter Musik und den Dankesworten der Moderatorin ging ein abwechslungsreicher Vorstellungsabend zu Ende, wobei nicht wenige Besucher noch längere Zeit zusammen saßen und diskutierten. (irö)

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